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Medienmitteilung des Bundesgerichts vom 11.12.2015: »Das von der Schulgemeinde St. Margrethen gegenüber einem muslimischen Mädchen ausgesprochene Verbot, das islamische Kopftuch (Hijab) in der Schule zu tragen, ist nicht mit dem Grundrecht der Glaubens- und Gewissensfreiheit vereinbar». … «Das Tragen religiöser Symbole ist grundsätzlich mit der Pflicht der Schüler zu respektvollem Umgang untereinander vereinbar. Eine Beschränkung der Glaubens- und Gewissensfreiheit durch ein Kopftuchverbot ist unter diesen Umständen nicht zu rechtfertigen.» Urteilsreferenz 2C_121/2015

 

Mein Freund Ma’um-Baja, ein frommer Mann vom Stamme der Waika, der in der Zwischenzeit schon leidlich Schweizerdeutsch spricht, ist ausser sich vor Freude. Die Götter der Waika-Indianer gebieten allen geschlechtsreif gewordenen Jungen, die Vorhaut ihre Penisse an eine um die Hüfte geschwungene Schnur zu knüpfen und hochzubinden. In den Orinoco- und Amazonas-Sümpfen Südamerikas sind all seine Ahnen und Urahnen dieser religiösen Verpflichtung ebenso frag- und klaglos nachgekommen wie er, seine Brüder und ausnahmslos alle jungen Männer seiner Religionsgemeinschaft in den Urwäldern der südlichen Erdhemisphäre. Seine Götter meinen es gut mit Ma’um-Baja. Nun haben sie über die höchsten Schweizer Richter einen ganzen Tropenregen von Weisheit niedergehen lassen, nachdem sie vor Jahren schon einmal eine wunderschöne und abenteuerlustige Schweizerin vor sein Blasrohr im Dschungel irgendwo zwischen Venezuela und Brasilien geleitet hatten. Und so lebt Ma’um-Baja jetzt in einem Dorf im schweizerischen Mittelland. Bald werden seine beiden Zwillinge 12 – und damit geschlechtsreif. Nun hat das Bundesgericht ihn von seinem religiösen Dilemma erlöst, entweder sich von seinen Göttern abzuwenden und seine beiden Jungs NICHT mit am Hüftschnürchen hochgebundenen Pimmelchen die Schulbank drücken zu lassen, oder aber mit seiner Familie in die Orinoco-Sümpfe zurückzukehren. Ma’um-Baja ist kein religiöser Eiferer, ist mit seiner Kompromissbereitschaft schon ein richtiger Schweizer geworden. Und er denkt, dass seine Götter in einem kulturpluralistischen (man achte auf seine bewusste Auslassung der Lautgestalt „multikulturell“) Land wie der Schweiz es ihm und seinen Jungs nachsehen würden, wenn letztere ihre Bubenschnäbis in Flaschenkürbisse hüllten, bevor sie sich zwischen muslimischen Schulkolleginnen mit Kopftüchern auf die Schulbank setzen würden.

Auch meine Facebook-Freundin Rasuela aus Falealupo in Samoa ist von den höchsten Schweizer Richtern über alle Massen begeistert. Die tiefgläubige Insulanerin ist Hohepriesterin der polynesischen Göttin Nafanua und weiss mit unumstösslicher Gewissheit, dass ein richtiger Gott NIE ein Mann sein kann, IMMER nur eine Frau, also immer nur eine GÖTTIN. Rasuela klärt mich auf, jede von einer weiblichen Gottheit erleuchtete Person empfände grossen Respekt vor jeglichem Leben, würde also etwa nie und nimmer eine Art Messer- oder Handgranaten-Fatwa aussprechen gegen andere Menschen, auch wenn diese noch so blasphemisch verkündeten, Gott sei ein Mann. Rasuela sagt der Schweiz eine goldene Zukunft voraus, dank der Weisheit ihrer höchsten Richter. Ab sofort dürften Nafanuas fromme Töchter gemäss dem Richtspruch des Bundesgerichts aus religiösen Gründen in der Schweiz barbusig die Schulbank drücken. Das setze im Gehirn jedes jungen Mädchens eine biochemische Reaktion frei, welche zu intellektuellen schulischen Meisterleistungen führe, und in wenigen Jahren die Quotendiskussion veränderte auf eine Forderung von 10% Männer für Führungspositionen. Vielleicht bin ich zu schweizerisch bodenständig oder einfach eine Spur zu wenig emanzipiert, um die innere Logik Rasuelas frommer Zukunftsvision nachvollziehen zu können. Aber mindestens erscheint sie mir nicht weniger logisch als die Begründung, Mädchen und Frauen müssten ihr Haupthaar unter einem Kopftuch verbergen, damit beim männlichen Eidgenossen nicht allenthalben eine gigantisch gefährliche biochemische Reaktion unterhalb der Gürtellinie stattfinden würde.

Veröfffentlicht in der Zeitschrift „Boom“, 2001

 

„Wieviel Erde braucht der Mensch?“ fragte Leo Tolstoi in einem seiner Werke zu einer Zeit, als europäische Mächte ganze Kontinente kolonialisierten. Aber das ist lange her. Würde Tolstoi heute schreiben, müsste er fragen: „Wieviel Millionen braucht der Mensch?“ Dollar- und nicht Rubelmillionen.

Auch Lal Bahadur Shastri studierte die Bücher Tolstois, nachdem er sich selbst lesen und schreiben beigebracht hatte. Damals dürfte er kaum geahnt haben, dereinst zum Premierminister Indiens aufzusteigen. Als Shastri in Amt und Würden am 11. Januar 1966 starb, reichte sein finanzieller Nachlass nicht aus, um das Brennholz zur Einäscherung seines Leichnams zu bezahlen. Sämtliche Einkünfte hatte er zu Lebzeiten Landsleuten zukommen lassen, die ärmer waren als er. Der indische Staat hatte die Finanzierung des Scheiterhaufens zu übernehmen.

Shastri wird von keinem Papste heiliggesprochen werden können, er war Hindu. Und nur bei Christen geht eher ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher ins Himmelreich ein (aber zum Glück definiert auch die Bibel nicht schlüssig, wann Reichtum beginnt: bei einer Million, bei 10 Millionen oder erst ab 100 Millionen).

Fred Hollows war Christ, zumindest wuchs er in einem fundamentalistisch-christlichen Elternhaus auf, wollte gar Missionar werden, bevor er sich entschloss, Menschen sehend zu machen. Anders als Tolstoi: als Augendoktor. Als Hollows 1993 starb, hatten er und die von ihm ausgebildeten „Barfuss“-ÄrztInnen Hunderttausenden von Menschen in Asien, Afrika, Südamerika und Australien das Augenlicht zurückgegeben. Hollows hatte zwar Ehrenbürgerschaften zahlreicher Drittweltländer angesammelt, nicht aber persönliches Vermögen. Auch die seinem Wirken und Handeln zugrundeliegende Motivation dürfte nicht im Wunsch nach klerikaler Heiligsprechung begründet gewesen sein. Als er nach seiner Wahl zum „Australian of the year 1990“ nach seinen liebsten Freizeitbeschäftigungen befragt wurde, antwortete er: „Bumsen, Saufen und Bergsteigen.“

Shastri und Hollows hatten Visionen – wer keine Visionen hat ist kein Realist. Und eine Motivation, die sie für diese Visionen leben und kämpfen liess.

Auch Millionäre haben Visionen, zweifellos. Vielleicht gar jene ehrenwerten, Arbeitsplätze für weniger Glückliche zu schaffen. Aber was für eine Motivation steckt hinter jener Vision, Geld zu mehren und zu mehren und zu mehren … ?

Der Psychologe Abraham Maslow stellte 1970 die Theorie auf, dass sich die grundlegenden Motive menschlichen Handelns in einer Bedürfnishierarchie anordnen liessen. Er fand heraus, dass die Bedürfnisse auf einer bestimmten Hierarchiestufe so lange die Motivation eines Menschen beherrschten, wie sie unbefriedigt blieben. Nach der Befriedigung der grundlegendsten biologischen Bedürfnisse wie Essen, Trinken, Sauerstoff stelle sich beim Menschen das Bedürfnis nach Sicherheit ein, jenes nach Angstfreiheit vor materiellen Sorgen auch. Wann ist dieses Bedürfnis befriedigt, bei einem materiellen Polster von wieviel Millionen? Auch in einem soziokulturellen Umfeld wie dem schweizerischen mit einem erheblich überdurchschnittlichen Sicherheitsbedürfnis lässt sich die Jagd nach immer mehr Vermögen mit dem urmenschlichen Bedürfnis nach materieller Sicherheit nicht mehr erklären.

Die schweizerische Ski-Ikone Bernhard Russi sagt stellvertretend für unzählige SpitzensportlerInnen: „Mit dem Karriereende kommt ein Spitzensportler vor ein Riesenloch.“ Die Erfahrungen, die SportlerInnen machen, wenn die Karriere sich dem Ende zuneigt, lassen sich gut auf SpitzenverdienerInnen übertragen. Und erklären das, was Maslow nicht beantworten kann: Man ist mitten drin im pulsierenden Leben, gehört dazu, ist gefragt bei den Schönen der Welt – Glamour und l‘amour. Man steht im Rampenlicht und wird gesehen. Der stete Nervenkitzel beim Kampf, besser, schneller, schlauer und reicher zu sein als andere setzt dauernd Hormone frei, an die sich der Körper gewöhnt und nach denen er verlangt. Und plötzlich soll das alles vorbei sein?! Dieses tägliche wunderbare Wechselbad der Gefühle, das einhergeht mit den Hochs und Tiefs des Dow Jones?! SpitzensportlerInnen setzt der Alterungsprozess zeitliche Limiten. Diese fallen weg bei der Jagd von der 4. zur 5., von der 15. zur 20. Million. Und wer will hier schon freiwillig auf den grossen Kick verzichten, der Lebenselixier geworden ist? Umso mehr als dieses „Karriereende“ über den ersten Herzinfarkt hinaus verzögert werden kann.

Und a apropos Hormone: Wie liesse sich diese extrem tabuisierte Riesenangst des Wechseljahr-Mannes vor dem ab dem vierzigsten Altersjahr stetig sinkenden Testosteronspiegel besser und volkswirtschaftlich nützlicher bändigen als mit 100 Arbeitsstunden pro Woche und mit einem Ämtchen da und einem Pöstchen dort?

„Ich habe mich überhaupt nicht verändert, trotz meiner Millionen“, höre ich immer wieder sagen. Was für ein Trugschluss!

Weil sich, wer Erfolg, Geld, Macht hat, in der Wahrnehmung seiner sozialen Umwelt verändert, kann jemand unmöglich derselbe bleiben, ausser es gelingt ihm, sich einzubilden, der Rest der Welt habe sich verändert. Der Generalmanager eines europäischen Automobilkonzerns gestand einer Journalistin, er sei der gleiche geblieben wie eh und je. Schon als 30jähriger hätte er‘s nie übers Herz gebracht, jemanden seiner Angestellten zu entlassen. Jetzt musste er seinen gesamten Beraterstab auswechseln, da alle übertriebenen Respekt vor ihm zeigten. Keiner habe mehr den Mut gefunden, ihm zu widersprechen und Entscheidungen in seiner Gegenwart kritisch zu hinterfragen.

Da, wo ich aufgewachsen bin, erzählt man sich gerne folgenden Witz: Bei Herr Meier stellte sich, nachdem sein Konto nach der 10. Million nicht mehr anwachsen wollte, plötzlich eine Veränderung ein. Er glaubte, über Nacht eine graue Maus geworden zu sein. Nach einem aufbauenden Gespräch mit seinem Coach trat Herr Meier in den Garten hinaus in der unumstösslichen Gewissheit, keine Maus, sondern Multimillionär Meier zu sein. Da tauchte eine Katze auf und Todesangst überkam unseren Helden. Zwar wusste er, dass er keine Maus war, aber er wusste nicht, ob die Katze das auch wusste.

Veröffentlicht in der Zeitschrift «punktum», Dezember 2006

 

„Sage mir, wie Du Dir das Paradies vorstellst, und ich sage Dir, wer Du bist“, zitierte Commandante J 1978 ein geflügeltes Sprichwort seines Volkes, der Igorot im Norden der Philippinen. Von einer Lichtung im Dschungel über Baguio wies er auf die monströsen Sommerresidenzen der Marcos-Familie und fügte hinzu: „Und für die Einlösung ihrer Paradiesvorstellungen sind Menschen zu jeder Schandtat bereit.“ Seine eigenen Paradiesträume hatten wohl mit jenen des Diktators Marcos nichts gemein, aber auch er war – aus meiner Sicht – auf dem Weg zur Einlösung seiner Paradiesvorstellungen zu einer beträchtlichen Schandtat bereit gewesen, als seine Rebellen der New Peoples Army meine Frau und mich als Geiseln nahmen. Und so nebenbei hatte ich, die Mündung einer Kalaschnikow an der Schläfe, die Erfahrung gemacht, wie sich Hölle anfühlt. Aber nun war die Sache ausgestanden, weil ich keinen US-amerikanischen Pass besass, und vielleicht auch, weil Commandante J in seinem früheren Leben Philosophie und Psychologie studiert hatte, und ihm die Aussicht auf seltenen verbalen fachlichen Austausch über Freud und den Behaviourismus und Rogers besser gefiel, als mir den Schädel wegblasen zu lassen.

Wir sind SäuliämterInnen, FricktalerInnen oder ToggenburgerInnen – und haben eine geographische Identität. Wir sind PizzabäckerInnen, PsychotherapeutInnen oder PhysiklaborantInnen – und haben eine berufliche Identität. Usw., etc. Aber unsere fundamentalste Identität ist jene als Frau oder als Mann – Frau-Sein und Mann-Sein sowohl im Sinne des sozialen Geschlechts (Gender) als auch des biologischen Geschlechts (Sex), und hier sowohl ohne wie auch mit genitaler Erregung (Genitalität). Das Leben und Erleben als soziales und als biologisches Geschlechtswesen (ohne und mit genitalen Reaktionen) bezeichne ich als „Sexualität“. Sehr richtig benennt die argentinische Sexualwissenschafterin Cloe Madanes Beeinträchtigungen der Identität als Frau oder als Mann als „spiritual pain“, als Schmerz, der Mitten ins Herz trifft. Und ich kann die Aussage einer schwerstbehinderten jungen Klientin sehr gut einordnen, wenn sie sich alle paar Wochen einen Sexworker zum Küssen und Kuscheln anmietet und dazu mit geröteten Wangen und leuchtenden Augen sagt: „Das sind jene Momente, in denen ich als Frau heil bin, und dann bin ICH heil.“

Für HistorikerInnen und EthnologInnen ist es eine Binsenwahrheit: wer die Sexualität von Menschen kontrolliert, wer deren fundamentalste Identität kontrolliert, hat die Macht. Um Aussagen über Machtverteilung in einer bestimmten Zeitepoche oder in einer bestimmten Kultur machen zu können, richten sie ihre Aufmerksamkeit auf die vorherrschenden Auffassungen, Gebote und Verbote betreffend Sexualität, auf vorgegebene sexuelle Normen oder Nicht-Normen. Eine Änderung von sexuellen Auffassungen, Geboten und Verboten lässt Rückschlüsse auf eine Veränderung oder Verlagerung des Machtgefüges innerhalb eines sozialen Systems zu. Wer hat Interesse an veränderten sozialen Normen im Bereich der Sexualität? „Patriarchale“ oder „matriarchale“ Akteure? Selbsternannte irdische StellvertreterInnen eines Gottes oder einer Göttin? Ökonomische, ideologische oder politische HeilsverkünderInnen? Wenn in unserem Kulturkreis jener Körperteil, welches Mädchen zu Mädchen und Frau zu Frau macht, als „Scham“ mit grossen und kleinen „Scham“lippen bezeichnet wird, wirkt sich dies auf die soziosexuelle Entwicklung von Mädchen aus, wie die deutsche Linguistin Luise F. Pusch feststellt (in: „Das Deutsche als Männersprache“; Surkamp 1984). Was Frau biologisch von Mann unterscheide, sei etwas zum „Schämen“. Da Mann weder „Scham“bällchen noch „Scham“stengel hat, bleibt für das gemeinsame Schämen nur noch das „Scham“haar, welches jedoch mit wenig Aufwand weggetrimmt werden kann. Pusch schlug 1984 vor, den Begriff „Scham“ mit „Charme“ zu ersetzen. Und in der Tat braucht es wenig Phantasie sich vorzustellen, dass ein kleines Mädchen mit etwas zum „Charmen“ zwischen den Beinen mehr weibliches Paradies empfinden könnte als mit etwas zum „Schämen“, als erwachsene Frau aus einer positiv besetzten weiblichen Identität heraus gegenüber Männern selbstbestimmter und fordernder auftreten würde.

Auch im Dienste von Machterwerb oder Machterhaltung geschürte kollektive (männliche) Ängste, deren Bewältigungsversuche und deren Nutzniesser lassen sich in der Beschäftigung mit Sexualität in anderen Zeitepochen und anderen Kulturen ersehen. Die industrielle Revolution des 18. und 19. Jahrhunderts etwa hat in einem Ausmasse wie in keiner Epoche zuvor die Frau auf die Rolle der familiären Fürsorgerin und den Mann auf die Rolle des materiellen Versorgers festgelegt. Verlust des männlichen Samens (jener des Arbeiters, nicht jener des Grossindustriellen) wurde mit Verlust der Lebens- und Arbeitskraft gleichgesetzt. Kanalisiert in der Ehe durfte Genitalität massvoll zur Reproduktion zukünftig benötigter Arbeitskräfte eingesetzt werden. Masturbation war in hohem Masse mit Angst besetzt, galt sie doch als vorsätzliche Selbstzerstörung, führte zu Schwindsucht (und anderen schrecklichen Krankheiten) und musste deshalb mit allen (auch drastischen) Mitteln unterbunden werden. Die Ängste vor onanistischem Verderben wurden schliesslich mit der Entdeckung gemildert, dass der Drang zum Masturbieren mit bestimmter Ernährung unterbunden werden könne: 1834 eroberte der Arzt Sylvester Graham, 1874 der Nicht-Mediziner John Harvey Kellog mit einem Brot respektive einem Frühstücksgericht den Markt.

Paradiesvorstellungen sind ein hochwirksames Mittel, erwünschte soziale Regeln und Normen im Bereich der Sexualität zu installieren und zu erhalten. In einem komplexen dynamischen, prozesshaften Geschehen wirken Paradiesvorstellungen und Vorstellungen erwünschten Sexualverhaltens nach den Prinzipien des Regelkreises aufeinander ein und erhalten sich selbst.

So sind bestimmte sexuelle Aushaltens- und Enthaltungsvorschriften im irdischen Leben nur durchzusetzen, wenn für deren Einhaltung jenseitiges Paradies versprochen wird. Für abendländische Menschen, welche die seelenlosen Körper ihrer Toten „begraben“, liegt die Hölle oder das Paradies an einem anderen Ort als etwa für die Angehörigen der Pijanjarra oder der Walpiri in Zentralaustralien, welche die Verstorbenen in die Erde „einpflanzen“. Hier bestimmen die in der Gegenwart Lebenden allein, welche „Früchte“ der oder die Eingepflanzte künftig hervorbringen wird, etwa welche von den Eingepflanzten weitergegebenen Vorstellungen von Frau- und Mannsein irdische Hölle oder irdisches Paradies schaffen werden.

Wer die Hauptschuld am „Verlorenen Paradies“ einer Vertreterin eines biologischen Geschlechts zuschreiben kann, wird dieses Geschlecht eher als minderwertig akzeptieren, als wer wie der Philosoph Hegel an die „unendliche Energie der menschlichen Sehnsucht“ oder wie die Autorin Christa Wolf an den Sinn weiblichen und männlichen Daseins im Ausloten der „unendlichen Möglichkeiten, die in uns liegen“, glaubt.

Vielleicht gibt es ein anderes kluges Volk irgendwo auf Erden, welches sich die Lebensweisheit ausgedacht hat: „Sage mir etwas über Deine Sexualität, und ich sage Dir, wer Du bist.“ Und in der Tat, Sexualität ist ein Bereich menschlichen Lebens und Erlebens, und das gilt für Kinder, Jugendliche und erwachsene Frauen und Männer gleichsam, welcher hochgradig historischen, epochalen, politischen, ökonomischen, kulturellen und sozialen Einflüssen unterliegt und diese rückbezüglich mitprägt. Weil etwa 1968/69 trotz des Konkubinatsverbots im Kanton Zürich unzählige junge Paare beschlossen, ohne Trauschein zusammenzuleben, und der Kanton Aargau ein solches Verbot nicht kannte, entstand an der Zürcher Kantonsgrenze im aargauischen Spreitenbach eine eigentliche Betonneubaulandschaft. Hollywood hat längst erkannt, dass „der Film – im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit … – als Richtschnur und Massstab für das, was als Weiblichkeit (Anm. des Verf.: und Männlichkeit) zu gelten hat“, dient (Angelika Henschel: Schaulust. C. H. Wäser 1989, S. 19). Am Reissbrett (und Computer) wird das Image eines künftigen Rollenmodells von Weiblichkeit und Männlichkeit entworfenen, und erst dann die Person, die dieses zu füllen hat, gesucht. Eine „natürliche“ Form der Sexualität, die allen Menschen zu allen Zeiten in allen Kulturen gemeinsam war und ist, eine einzige „natürliche“, „normale“, „angeborene“, in den menschlichen Genen festgelegte Form des sexuellen Umgangs von Menschen, ist ebenso ein Mythos wie die Existenz einer einzig wahren, angeborenen, „natürlichen“ Paradiesvorstellung. Der grösste Fortschritt bei der Behandlung psychischer Störungen seit Bestehen der Menschheit wurde 1991 gemacht. Die internationale Klassifikation psychischer Störungen ICD-10 war revidiert und Homosexualität als Krankheit abgeschafft worden.

Sexualität ist gar ein eigentlicher Seismograph für soziale und kulturelle Veränderungen: ob fast unmerkliche Bewegungen, ob Erschütterungen oder ob eigentliche Erdbeben zu konstatieren sind, immer ist Sexualität die Nadel, mit der gesellschaftsklimatische Vorgänge erkannt, mit der auch der „Zeitgeist“ ergründet werden kann. Etwa 40% meiner männlichen Klienten der letzten drei Jahre vergleichen den Spass an genitaler Sexualität mit der Partnerin mit dem Spass an einer Prüfung, mit dem gewichtigen Unterschied, dass nicht Französisch- oder Mathematikkenntnisse, sondern die eigene Männlichkeit auf dem Prüfstand steht. Für viele junge Männer unter 30 steht die Antwort eines Mitglieds der deutschen Hip-Hop-Gruppe „Fettes Brot“ in der Jugendsendung “Zebra” von SF1 vom 3.11.96 auf die Frage, wie er es mit Sex halte: “Sex, oh mein Gott, das ist etwas für Menschen, die mit Onanieren nicht klarkommen!” Andere gehen eine feste Beziehung zu einer Frau ein, wenn das Versprechen nach sexueller Enthaltsamkeit vor der Ehe von der Freundin mitgetragen und keine standfeste Beziehung eingefordert wird.

Anlässlich meiner Lehrtätigkeit am „MAZ – Die Schweizer Journalistenschule“ hat mich im März dieses Jahres ein renommierter Schweizer Journalist angesprochen. Es sei ihm zugetragen worden, dass ich einen Riecher für gesellschaftlich relevante Themen hätte, welches wohl zurzeit das grosse Gesellschaftsthema sei. Die gravierende Orientierungslosigkeit, was „männlich“ sei, habe ich ihm geantwortet. Er hat den Kopf geschüttelt wie nach einem schlechten Scherz und gelacht. Bei der Lektüre der Sonntagszeitung vom 8. Oktober 2006 wird ihm spätestens das Lachen vergangen sein. Im Interview mit der Journalistin Esther Girsberger verriet der Chefredaktor der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“, Giovanni Di Lorenzo: „Der meistverkaufte Titel dieses Jahres war die Ausgabe mit dem Thema ‚Was ist männlich‘.“