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5. Eigene Erfahrung: die Beschwerde gegen Michael Marti beim Schweizer Presserat Seit kurzem liegt die Stellungnahme des Schweizer Presserates auf meine diesbezügliche Beschwerde vor (30/2002). Sie schliesst mit der Feststellung: Facts (persönliche Anmerkung: und der Journalist Michael Marti) hat die Ziffer 4.5 der Richtlinien zur Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten mehrfach dadurch verletzt, als zugesicherte Korrekturen unterblieben sind und verschiedene dem Beschwerdeführer zugeordnete Aussagen entgegen der getroffenen Vereinbarung vor der Publikation nicht zur Autorisierung unterbreitet wurden." Mit der Veröffentlichung des Artikels Big Psycho" von Michael Marti im Nachrichtenmagazin FACTS (4/2001, Seiten 76 80) bin ich persönlich mit den Auswirkungen journalistischer Fundamentalethik-Verletzungen konfrontiert worden. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mit JournalistInnen (unabhängig des Presseerzeugnisses, für welches sie arbeiteten) ausschliesslich andere Erfahrungen gemacht. Dies hielt ich auch in meiner Beschwerdeschrift an den Schweizer Presserat fest: ...andrerseits habe ich in den vergangenen 15 Jahren über meine fachpsychologische Hintergrundarbeit mit Medienleuten hinaus (persönliche Anmerkung: bei vorsichtiger Schätzung ca 400 Auskünfte) gegen hundert Interviews gegeben. Auch wenn sich die interviewenden JournalistInnen zuweilen als ausgesprochen unbequeme Zeitgenossen entpuppten und der eine oder die andere mir gar eine schlaflose Nacht verpasste, haben sie sich bis auf Marti alle jederzeit an die vertraglichen Abmachungen gehalten, mir sämtliche Passagen, in welchen sie mich direkt zitieren oder mir indirekt Worte in den Mund legen, vor dem Druck vorzulegen. Und bis anhin haben alle JournalistInnen das Wort eingehalten, von mir richtiggestellte Passagen entweder zu korrigieren oder zu streichen." (Auszug aus meiner Beschwerdeschrift). Von Freunden und Berufskollegen wird mir bestätigt, nicht nur austeilen zu können, sondern für einen Psychologen auch seltene Nehmerqualitäten" zu haben. Das zeigt sich nicht nur im Gefecht mit Argumenten oder auf dem Fussballplatz, in der Tat gehöre ich zu jenen Schweizern, die noch nie Gerichte bemüht haben. So habe ich in meiner Beschwerde an den Presserat auch festgehalten: Ich lege grossen Wert auf Meinungsfreiheit: Mit Nachdruck möchte ich verweisen, dass es mir in keiner Weise darum geht, Martis persönliche Einschätzungen meiner Person, meiner Arbeit bei Big Brother oder des Sendegefässes Big Brother allgemein anzuprangern. Er darf mich beschimpfen, kritisieren, sich lächerlich machen über mich und meine Arbeit, wenn er sich dazu fachlich berufen fühlt, solange für die Leserschaft seine Ausführungen als persönliche Sichtweisen, Auffassungen, Interpretationen des Journalisten erkennbar sind. Auch darf er liederlichen Journalismus betreiben: hinter meinem Rücken stand bei der Interviewführung kein riesiger Panorama-Fernseher", sondern ein blauer Schwedenofen. Der riesige Panorama-Fernseher" ist ein ganz normales Modell von M-Electronic, Neupreis Fr. 950.- . Durchs Fenster waren sowohl am 10.01 wie am 16.01. (Fototermin) keine Schafe zu sehen, hingegen herumstreunende Katzen. Es dürften gut 20 Jahre her sein, seitdem ich auf einem Tonträger ein Stück von Bob Dylan abgespielt habe: ich mag seine Musik nicht. Während des Gespräches hat Marti den Früchtekorb mit den Mandarinen alleine geleert, ich habe keine einzige Frucht verzehrt (pers. Anmerkung: ich reagiere allergisch auf Mandarinenschalen). Usw. usf. etc." Mindestens in Ansätzen kann ich heute die enorme psychische Belastung von Medienopfern nachempfinden, auch wenn ich mir sehr im klaren darüber bin, im Unterschied zu meinen KlientInnen, die Opfer von journalistischen Fundamentalethik-Verstössen wurden, gleich mehrfach privilegiert zu sein: 1. Ich kann auf eine minimale schriftliche Ausdrucksfähigkeit zurückgreifen, um Beschwerdeschriften und Repliken zu den Vorbringen von BeschwerdegegnerInnen zu formulieren (auch wenn ich gerne zugebe, mehrmals an meine Grenzen gestossen zu sein). 2. Die Berufskommission der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen FSP hat Martis Aussage, sie habe ... sogar Big Brother-Videokassetten bestellt und (werde) in Bälde da-rüber befinden, ob die Sendung objektiv menschenverachtend sei ..." , umgehend als Falschaussage entlarvt. Damit konnte ich beweisen, dass Marti die Facts-Leser angelogen hat. Und gerne schliesse ich mich der Weltwoche (Nr. 28, S. 8) an: Vernichtender kann man über Journalisten, deren wichtigstes Kapital die Glaubwürdigkeit ist, nicht urteilen." 3. Ich habe keine Sekundärtraumatisierung erlitten. Auch wenn die Beschwerdegegnerin mir beim Schweizer Presserat noch zu einem Zeitpunkt Verschwörungstheorien" unterstellte, als sie nach menschlichem Ermessen bereits gewusst haben muss, dass auch die nicht in meiner Beschwerdeschrift vorgetragenen Vorhaltungen gegen Marti zutrafen, habe ich dies nie persönlich genommen. Es zeugt von hoher berufsethischer Ausrichtung, wenn die Tamedia AG über ihren Rechtsdienst dem Schweizer Presserat gar Unterlagen eingereicht hat, durch welche belegt werden, dass Marti in Zusammenhang mit besagtem Artikel Big Psycho" auch gegenüber dem heutigen Generalsekretär der FSP, Daniel Habegger, fundamentale Berufsethik verletzt hat. (Ich greife ein Beispiel heraus: Text zum Gegenlesen von Marti an Habegger: "...die FSP-Basis scheint die Position ihres Vorstandes nicht unbedingt zu teilen." Korrektur Habegger: "...ein kleiner Teil der FSP-Basis scheint die Position ihres Vorstandes nicht unbedingt zu teilen." Von Marti publiziert: "...die FSP-Basis scheint die Position ihres Vorstandes nicht unbedingt zu teilen). Dont let the truth get in the path of a good story. Facts gehört seit dem Abgang Martis wiederum zu meiner wöchentlichen Pflichtlektüre und es stört mich nicht einmal mehr, dass diese Zeitschrift bis heute nie erwähnt hat, auf die gegen mich eingereichte berufsethische Beschwerde bei der FSP (der Aufhänger der Big Psycho"-Geschichte) sei von den zuständigen Stellen nicht einmal eingetreten worden. Die Tatsache, dass Marti von dieser Beschwerde gewusst hat, bevor nachweislich auch nur ein einziger Funktionär der FSP von dieser Kenntnis hatte, öffnet Spekulationen Tür und Tor. 4. Im Gegensatz zu meinen betroffenen KlientInnen konnte ich mich beruflich im deutschsprachi-gen Ausland so weit positionieren, dass ein berufliches Mindesteinkommen gesichert ist. 5. Ich habe das Verhalten Martis von Anfang an als eine fundamentalethische Verletzung eines einzelnen Journalisten aussortieren können und nie auf einen ganzen Berufsstand geschlossen. Mit vielen Medienleuten verbindet mich weiterhin menschlicher und fachlicher Respekt, zuweilen gar Freundschaft. Einigen besonders hartnäckig nachfragenden JournalistInnen halte ich gar zu gute, mich zu gedanklich lichten Momenten herausgefordert zu haben. 6. Ich kenne als Fachpsychologe für Psychotherapie jene Bewältigungs- und Handlungsstrategien zum Überwinden von belastenden Lebensereignissen und kann diese auf mich selbst anwenden. Dazu gehört in meinem Falle wesentlich das Einreichen meiner Beschwerde beim Schweizer Presserat. Nicht in der Rolle der beleidigten Leberwurst verfasst, sondern zur Stärkung des eigenen Gefühls der Selbstwirksamkeit als wesentlichen Faktor für seelisches Wohlbefinden. Verfasst auch In der Hoffnung, dass Journalisten mit dem beruflichen Ethik-Verständnis Martis rasch und dauerhaft vom journalistischen Schreibtisch verschwinden, und zukünftig potentiellen Auskunfts- und Interviewpartnern von Medienleuten jene Erfahrungen erspart bleiben, wie ich sie gemacht habe. 6. Schluss In der NZZ vom 12.07.02, S. 11) wird im Zusammenhang mit der Affäre Borer-Ringier" festgehalten: ... Pech für diejenigen, die unter eine solche Walze geraten." Mit dieser Form des Fatalismus kann ich mich schlecht anfreunden. Da möchte ich schon alle potentiellen Interviewpartner aus Wirtschaft und Politik, Wissenschaft und Forschung, Unterhaltung und Sport, sozusagen pechpräventiv", darauf aufmerksam machen, wo diejenigen gegen journalistische Fundamental-Ethik verstossende Journalisten wirken, welche diese Walze für ein paar heisse Schlagzeilen bedenkenlos laufen lassen. Der Journalist Michael Marti, ehemals Facts, hat heute bei der NZZ am Sonntag ein neues Wirkungsfeld gefunden. Bestimmt wäre nicht nur ich erleichtert, wenn ich wüsste, dass ich Journalisten wie Michael Marti in Zukunft auf ihrem beruflichen Lebensweg als Hausmann, Landschaftsgärtner oder Pizzabäcker von Herzen alles Gute wünschen könnte. Villigen, Juli 2002
Gemeinsam einsam: Ohne Hilfsmittel kämpfen 16 Kandidatinnen vor der Kamera des neuen privaten Senders TV3 ums Überleben. Der Aargauer Fachpsychologe für Psychotherapie FSP Thomas Spielmann begleitet die Crew der umstrittenen TV-Show «Expedition Robinson» und nimmt im Psychoscope zu seinem Auftrag Stellung. Psychoscope: Herr Spielmann, wie viele Anrufe erzürnter BerufskollegInnen haben Sie bereits erhalten, weil Sie als Fachpsychologe für Psychotherapie FSP die umstrittene TV-Show Expedition Robinson" begleiten? Thomas Spielmann: Bisher noch keinen, aber die könnten schon noch kommen, wenn mein Engagement bekannter wird. Ich könnte kritische Reaktionen auch gut verstehen. Ich selbst musste mir diese Fragen schliesslich auch stellen. Was hat Sie schliesslich dazu bewogen, den Programmachern Ihr fachpsychologisches Knowhow zur Verfügung zu stellen? Thomas Spielmann: Im «Tages-Anzeiger» hatte ich vor einigen Monaten von der Idee «Robinson» gelesen. Weil ich das Haus Tages-Anzeiger als Verlag mit menschlich-ethischen Grundwerten kennen gelernt habe, dachte ich mir: «Das könnte endlich einmal Reality-TV geben, das von diesen menschenverachtenden Methoden wegkommt, wie sie die deutschen Privatsender praktizieren.» In meiner Praxis behandle ich schon seit längerer Zeit Klientlnnen, die in solchen Sendungen teils fürchterliche Erfahrungen gemacht haben. Diese Hoffnung bestätigte sich, als ich mit den Leuten von der Produktionsfirma Lava-T\/ Kontakt aufnahm. Da habe ich gemerkt, mit wie viel Respekt, Wärme und Achtung die den Menschen begegnen. Diese Grundhaltung - qepaart mit einer unglaublichen Arbeitsmoral - hat mich zur Zusage bewogen. Schliesslich ist nicht Reality-TV an sich unethisch, sondern nur gewisse Formen der Umsetzung. Was qualifiziert Sie nebst der Arbeit mit Fernsehgeschädigten zu diesem Job? Thomas Spielmann: Fünfundzwanzig Jahre Berufserfahrung und der Kontakt mit sechs-, siebentausend Klientlnnen sind schon ein ganz solider Boden. Profitieren werde ich aber auch vom Interesse an Ethnopsychologie und meiner Reiseerfahrung. Sechsmal bin ich in den letzten zwei Jahrzehnten während je sechs Monaten «ausgestiegen». Ich weiss, was es heisst, auf einer Insel zu sein, ohne jede Ablenkung sich selber zu begegnen, eine Dreitagesreise für ein Stück «Schoggi-Chueche» auf sich zu nehmen. Glauben Sie, ein typischer Vertreter Ihres Berufsstandes zu sein? Thomas Spielmann: Es ist nicht gerade die Qualität von Psychologlnnen, abzubrechen und sich selbst zu verändern. Meistens bewahren wir uns selbst lieber - und verändern stattdessen unsere Klientlnnen. Wahrscheinlich hätte sich auch nicht mancher Kollege überzeugen lassen, bei einem Projekt wie «Expedition Robinson» mitzutun. Die meisten Berufskolleglnnen drücken sich eher davor, sich so zu exportieren. Daneben ist vielleicht meine Freude, am Puls der Zeit zu stehen, nicht gerade typisch für unseren Berufsstand. Ich bin ein Kind unserer Zeit - und Reality-TV ist genauso eine Wirklichkeit dieser Zeit wie es Shopping-Zentren und Champions League sind. Ich mag davor nicht die Augen verschliessen. Als Student habe ich nachts in der Fabrik Schicht gearbeitet und tagsüber gelernt. Dieses Gefühl, das Leben dieser Zeit zu leben, ist ähnlich, wenn ich nun bei «Expedition Robinson» mitmache. Was halten Sie von der These, dass die Robinson"-Teilnehmerlnnen die gleichen Motive zum Mitmachen haben wie Sie - nämlich das Bedürfnis, für einige Zeit im Rampenlicht zu stellen? Thomas Spielmann: Nichts. Ich selbst werde gar nicht am Bildschirm zu sehen sein. Ausserdem scheue ich allzu grosse Medienpräsenz grundsätzlich, weil sie die therapeutische Arbeit beeinträchtigen kann. Und was die Teilnehmerlnnen betrifft, kann ich nur sagen: Die wollen sicher nicht einmal in ihrem Leben für zwei Minuten berühmt sein. Darauf haben wir beim Casting auch geachtet. Das sind sehr differenzierte, sozial kompetente, psychisch starke, interessierte, offene Menschen mit Halt im Leben. Wir haben sehr sorgfältig geschaut, dass wir nicht Gefahr laufen, jemandem mit der Teilnahme zu schaden. Was genau umfasst Ihr Job? ThomasSpielmann.- «Coaching the Cast and the Crew». So könnte man meine Aufqabe auf einen Nenner bringen. Ich reise Anfang Juni dem Team nach und stehe dann als psychologische Ansprechperson zur Verfügung. Auch bin ich für die psychologische Nachbetreuung in den Monaten nach der Sendung zuständig. Ob und wie stark ich beansprucht werde, lässt sich schwer abschätzen. Sie lassen es sich auf der Nachbarinsel gut gehen und verdienen sich eine goldene Nase dabei, während die TeilnehmerInnen ums Überleben kämpfen? Thomas Spielmann: Nein, ich habe auch nicht allen Komfort - kann aber immerhin in einem Bett schlafen, morgens einen Kaffee trinken und via lnternet die Zeitung lesen. Aber einfach auf der faulen Haut liegen passt nicht zu mir. Ich bin ein bodenständiger Typ und werde als «Mädchen für alles» dort anpacken, wo es mich gerade braucht. Zu meiner Bezahlung kann ich nur sagen: Wegen des Geldes lohnt sich so etwas nicht. Sozialpsychologisch ist die Versuchsanordnung" zweifellos reizvoll: 16 Menschen verschiedenen Geschlechts, Alters und beruflichen Hintergrunds leben, nur mit den nötigsten Utensilien ausgerüstet, auf engem Raum zusammen. Gleichzeitig wählt die Gruppe selbst, wer nach Hause fahren muss. Welche Dynamik erwarten Sie? Thomas Spielmann: Dieser Prozess ist tatsächlich hoch spannend. Würde ich noch Psychologie studieren, hätte ich die Sendung vielleicht zum Gegenstand meiner Lizentiatsarbeit gemacht. Was passieren wird, lässt sich aber nur vermuten. Klar, es wird Konflikte geben in diesem Spannungsfeld aus Solidarität und Konkurrenz. Doch nach welchen Kriterien die Gruppe Mitglieder ausschliesst ist völlig offen. Praktische Geschicklichkeit und «Nützlichkeit» spielen wohl eine Rolle, sicher aber auch soziale Kompetenz. Ich bin gespannt, welchen Stellenwert die «Schweizer Tugend» Kompromissbereitschaft einnehmen wird. Vielleicht müssen die TeilnehmerInnen davon Abstand nehmen und lernen, zu sich selbst zu stehen und klar Stellung zu beziehen. Am Schluss wird auch sehr viel Glück dabei sein. Sie haben glaubhaft versichert, dass mit den TeilnehmerInnen respektvoll umgegangen wird. Ich behaupte: Die Zuschauerlnnen teilen diesen Respekt nicht. Sie befriedigen einfach ihre niederen Instinkte", die voyeuristische Lust an Blut und Tränen.
Ich bedanke mich für das Gespräch und wünsche Ihnen eine lebendige Reise. Der Interview-Gast Thomas Spielmann (48) ist Fachpsychologe für Psychotherapie FSP mit methodischem Schwerpunkt auf Gesprächspsychotherapie, Verhaltenstherapie und Systemischer Therapie. Seine berufliche Karriere begann er 1975 als Berufsberater in Zurzach. Mit der Weiterbildung in Gesprächspsychotherapie arbeitete er ab 1981 teilzeitlich selbständig und nahm diverse Lehrauftrage wahr. Seit 1992 betreibt er seine eigene Praxis für wissenschaftliche Sexualtherapie. Mit Prof. Reinhard Tausch arbeitet er seit 1986 am «Seminar für seelische Gesundheit» mit. Einen speziellen Schwerpunkt legt Thomas Spielmann auf das psychologische Coaching von Spitzensportlern. Nebst der professionellen Tätigkeit war Thomas Spielmann in diverse Theaterprojekte involviert und wirkte bei einem medienkritischen Stück über Reality-TV und Sex mit. Sechs je halbjährige Reisen dienten dem Fachpsychologen zur Auseinandersetzung mit fremden Kulturen und eigenen Grenzen. Zurück zur Übersicht
Jeden zweiten Sonntag kommentiert der FSP-Fachpsychologe für Psychotherapie Thomas Spielmann für den Fernsehsender TV3, was im «Big-Brother»-Wohncontainer abgeht. Im Psychoscope äussert er sich über sein Engagement für die umstrittene Sendung. «Ich scheue allzu grosse Medienpräsenz grundsätzlich, weil sie die therapeutische Arbeit beeinträchtigen kann.» Das haben Sie vor zwei Jahren in einem Interview mit dem Psychoscope gesagt. Damals standen Sie als Psychologe bei der Insel-Show «Expedition Robinson» hinter der Kamera im Einsatz. Jetzt geben Sie jeden zweiten Sonntag psychologische Erklärungen zum Geschehen im «Big Brother»-Haus vor einigen hunderttausend ZuschauerInnen. Bereits bei der «Expedition Robinson» war ich bei einigen wenigen Gelegenheiten vor der Kamera zu sehen. Dabei erfuhr ich: Die Fernsehpräsenz beeinträchtigt meine therapeutische Arbeit nicht. Was machen Sie konkret, wenn jemand anruft und sagt: «Herr Spielmann, Sie machen am Fernsehen einen so sympathischen Eindruck. Ich möchte meine psychischen Probleme mit Ihnen angehen?» Dann sage ich, dass er nicht kommen kann, weil ich völlig ausgebucht bin. Seit «Big Brother» läuft habe ich über 200 Briefe sowie Dutzende Telefonanrufe und E-Mails erhalten. Etwa drei Viertel davon möchten von mir den Namen einer Fachperson in einer bestimmten Region oder mit einer bestimmten Spezialisierung. In solchen Fällen mache ich mit Hilfe des FSP-Verzeichnisses eine Triage. Dabei schaue ich aber darauf, dass die Hilfesuchenden keinem Psychoanalytiker in die Hände fallen. Ein Viertel möchte zu mir in die Therapie kommen. Ausser zwei KlientInnen habe ich allen abgesagt. Wie haben Sie in diesen zwei Fällen Ihre Popularität thematisiert? Ich bin gegenüber meinen KlientInnen grundsätzlich keine Sphynx, sondern als Thomas Spielmann und als Fachpsychologe für Psychotherapie fassbar. Deshalb versuche ich bei allen neuen KlientInnen das Machtgefälle zu verringern, indem ich frage: «Möchten Sie etwas von mir wissen?» Diese zwei KlientInnen haben auf diese Frage etwas ganz Ähnliches geantwortet: «Wir kennen Sie bereits besser als Sie uns!» In diesem Sinn hat meine TV-Präsenz positiv zur Beziehungssymmetrie beigetragen. Schmeichelt es Ihrem Selbstwert, jeden zweiten Sonntag auf den Bildschirmen in der Deutschschweiz präsent zu sein? Nein, es macht mir keinen Spass und steigert meinen Selbstwert nicht, wenn ich mich im TV sehe. Das kann ich mit drei Ausrufezeichen sagen. Klar, als ich erstmals ein paar Sekunden am Fernsehen kam, habe ich das unheimlich gern gesehen. Aber dieser Effekt nutzt sich extrem schnell ab und ist schon seit über zehn Jahren nicht mehr wirksam. Trotzdem war ich überrascht, wie viele Leute sich wegen Big Brother mit ihren Sorgen an mich gewandt haben. Gehört diese Therapieplatzvermittlung zu Ihren Aufgaben? Nein, das ist alles Gratisarbeit. Um alle Anfragen zu beantworten, stehe ich halt bereits um 5.00 statt erst um 6.00 Uhr auf. Bezahlt werde ich für das tägliche Anschauen der Sendung. Alle zwei Wochen gehe ich ins Studio und beantworte Fragen. Dafür verrechne ich einen Aufwand von fünf Stunden. Der Ansatz entspricht meinem normalen Therapie-Tarif. In der ersten Staffel von Big Brother, die letzten Dezember zu Ende gegangen ist, waren Sie auch noch bei der Auswahl der KandidatInnen involviert. Wollte man Sie jetzt bei der zweiten Staffel da nicht mehr dabei haben? Ich muss an dieser Stelle ganz deutlich festhalten: Ich kenne die KandidatInnen nicht. Und ich bin weder für psychotherapeutische Notfalleinsätze noch für die Nachbetreuung zuständig. Unter solchen Voraussetzungen öffentlich über diese Menschen zu sprechen, fände ich zutiefst unethisch. Ich wollte bei der ersten Staffel bloss ganz sicher sein, dass psychologische Fachleute beim Casting am Werk waren. Deshalb habe ich mir bei der 1. Staffel ausbedungen, die Selektions-Dossiers gegenzuchecken. Einige Leute wies ich zurück, ein paar habe ich zur nochmaligen Begutachtung an die TherapeutInnen geschickt. Für die zweite Staffel wurde ich dafür nicht mehr angefragt. Waren Sie den ProduzentInnen zu unbequem? Es ist die Tragik, die jeder Coiffeur auch kennt: Nach einmal Zuschauen meinen manche, sie könnten das auch, weil sie die Feinheiten des Sachgebiets nicht zu erkennen vermögen. Zu unbequem war ich den Machern aber nicht. Die haben ja die Einschaltquoten der ersten Staffel gesehen und gemerkt, wie die TeilnehmerInnen psychologisch brillant ausgewählt worden sind. Sie haben bei der Auswahl auf die Einschaltquoten geachtet? Ja. Ich verfolge seit Jahren als Psychologe das Geschehen am Fernsehen mit. Ich habe 26 Jahre Berufserfahrung. Und als Sexualtherapeut versuche ich den Zeitgeist aufzuspüren: Was fasziniert die Schweizer ZuschauerInnen? Wieso sollen Sie 100 Tage lang «Big Brother» schauen? Dafür braucht es eine positive Identifikation mit den KandidatInnen. Typen, die ihr Penis-Piercing zeigen oder sich mit sexuell ausgefallenen Präferenzen profilieren wollen, braucht es dazu nicht. Hätten Sie allen TeilnehmerInnen der zweiten Staffel guten Gewissens ein Unbedenklichkeitszeugnis ausstellen können? Ich möchte nicht die Arbeit meiner KollegInnen kritisieren: Alle TeilnehmerInnen wurden von qualifizierten PsychotherapeutInnen FSP oder SPV in persönlichen Gesprächen und mit einer ganzen Batterie moderner Tests z.B. im Bereich Stressverarbeitung geprüft. Aber ich muss zugeben: Bei manchen KandidatInnen konstatiere ich doch ziemliche Verhaltensauffälligkeiten. Sie sprechen in der Sendung eine volksnahe Sprache. Ist das einstudiert? Im Alltag und in der Therapie rede ich genau so, auch wenn ich mich natürlich auch in Fachterminologie ausdrücken kann, wenn ich will oder muss. Wobei Sie mit ihrer Volksnähe auch Gefahr laufen, dem altbekannten Klischee Vorschub zu leisten, jeder mit gesundem Menschenverstand sei ein Psychologe. Das glaube ich nicht. Ich hole die Leute zwar ab, indem ich mit leicht Beobacht- und Nachvollziehbarem einsteige. Dann gehe ich aber einen Schritt weiter und lasse mein psychologisches Wissen einfliessen. Auch durchbreche ich das Volksnahe immer wieder. Dann sage ich Sachen wie «Bei Verliebten lässt sich eine erhöhte Ausschüttung bestimmter Botenstoffe im Gehirn beobachten wie sie für Zwangsstörungen charakteristisch ist». Die ZuschauerInnen unterscheiden auch deutlich zwischen meinen Auftritten und jenen der Astrologin, die abwechslungsweise die Sendung begleitet. Sogar 12jährige erkennen, was wissenschaftlich fundiert und was Kaffeesatzleserei ist. Diesen Schluss lassen zumindest die Kommentare im Internet zu. Nicht alle FSP-Mitglieder sehen das so. Die Berufsordnungskommission hat jedenfalls eine Beschwerde gegen Sie erhalten. Auf die wurde nicht eingetreten. Es sei nicht Sache der Kommission, ein Sendegefäss auf seinen ethischen Gehalt hin zu beurteilen. Hat es Sie trotzdem getroffen, dass BerufskollegInnen eine Beschwerde einreichen? Getroffen hat mich, dass ich aus einem Artikel des Nachrichtenmagazins "Facts" davon erfahren musste. Ich habe daraufhin zusammen mit meinem Anwalt sorgfältige Nachforschungen angestellt und kam zu folgendem Schluss: Die FSP-Instanzen also sowohl die Geschäftsstelle wie auch die BOK haben absolut integer gehandelt. Warum der Facts-Journalist über die Beschwerde gegen mich Bescheid wusste, bevor sie überhaupt bei der BOK eingetroffen war, lässt sich nicht abschliessend klären. Es stellt sich aber schon die Frage, ob der Journalist die ganze Geschichte selber konstruiert und inszeniert hat. Sicher ist: Die journalistischen Pflichten hat er krass verletzt, mein Recht am eigenen Wort wurde missachtet. Wie sieht es sonst mit der Schelte von Ihren BerufskollegInnen aus? Dass ich für «Big Brother» arbeite, verstehen nicht alle. Aber niemand hat sich bisher zu meiner Arbeit vor der Kamera inhaltlich negativ geäussert. Ich glaube, gute PR für die wissenschaftlich fundierte Psychologie zu machen. Weshalb werden Sie nur als «Psychologe» und nicht als «Psychologe FSP» gekenntzeichnet? Ich habe das verlangt. Die Produzenten beharrten auf «Psychologe», weil für die Zuschauer alles andere zu lang sei. In diesem Bereich seien sie die Spezialisten. Ich habe auch deshalb nicht insistiert, weil ich nicht sicher war, ob die FSP diese Form von Publicity überhaupt schätzt. Würden Sie selbst «Big Brother» anschauen, wenn Sies nicht bezahlt bekämen? Ich halte es mit CDU-Chefin Angela Merkel, die gesagt hat: «Wenn 60 Prozent der 14- bis 18-jährigen das schauen, muss ich auch». Ich finde «Big Brother» ein spannendes Sendegefäss, eine ganz neue Art von Fernsehen. Insofern ist es vergleichbar mit dem ersten Reality-TV Mitte der 70er-Jahre, als der Psychologieprofessor Reinhard Tausch in «Psychotreff Seelenpfade» Selbsterfahrungsgruppen mit der Kamera begleitete. «Da werden die blutenden Fetzen der Libido den Zuschauern zum Frasse vorgeworfen», hat Ernest Bornemann damals kritisiert. Trotzdem wurde es ein Strassenfeger und hatte unglaubliche Auswirkungen. Diese Sendung war im deutschen Sprachraum der Durchbruch der Gruppenbewegung. Und was soll der bleibende Wert von «Big Brother» sein? Jetzt erobert sich die Nicht-Bildungselite ihren Platz in der Öffentlichkeit. Das hat mit der «Lindenstrasse» angefangen. Während dort aber noch SchauspielerInnen den Mann oder die Frau von der Strasse nachahmten, sind die in «Big Brother» selber die Hauptdarsteller. Ich habe grossen Respekt vor diesen Leuten. Ich komme selber nicht aus der Bildungselite, musste mir mein Studium mit Nachtschichten in der Fabrik verdienen. Man könnte aber grad so gut sagen: «Jetzt erobert sich die Banalität des Alltäglichen ihren Platz in der Öffentlichkeit». «Big Brother» provoziert eine aktive Auseinandersetzung. Das ist neu. Diese amerikanischen Hollywood-Serien haben eine verheerende Auswirkung auf die psychosexuelle Entwicklung der Jugendlichen, weil da alle menschlichen Bezüge am Reissbrett entworfen und völlig künstlich inszeniert werden. «Big Brother» korrigiert das aus: Über die Identifikation oder Ablehnung einzelner KandidatInnen setzen sich die ZuschauerInnen aktiv mit ihren eigenen Normen und Werthaltungen auseinander. Wir PsychologInnen brauchen dafür kein «Big Brother»; wir machen das in Gesprächen oder in der Auseinandersetzung mit Büchern. Jetzt verkaufen Sie «Big Brother» als Bildungsfernsehen? «Big Brother» ebnet breiten Schichten den Weg in die Psychologie. Das ist gut so, weil es noch in ganz vielen Lebensbereichen mehr Psychologie braucht. Schlussfrage: Sie sind in der Zwischenzeit einer der bekanntesten Psychologen der Schweiz. Welche Erkenntnis wollten Sie aus Ihren Medienerfahrungen an die BerufskollegInnen weitergeben? Die FSP ermuntert ihre Mitglieder, sich in der Öffentlichkeit zu äussern. Ich kann dies im Bereich Lokalradio oder fernsehen unterstützen. Auch das Liefern von Hintergrundinformationen ohne Interview finde ich in jedem Fall sinnvoll. Aber ansonsten warne ich: Wer mit Gesicht und Namen in die Medien geht, der leidet. Und kommt ohne eigenen Rechtsanwalt nicht aus. Er muss damit rechnen, falsch oder verzerrt wiedergegeben zu werden. Der Glaube an die Ethik des Journalismus ist ein Irrglaube.
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