Paradies und Sexualität
20. Juli 2017

Wieviel Millionen braucht der Mensch?

Veröfffentlicht in der Zeitschrift „Boom“, 2001

 

„Wieviel Erde braucht der Mensch?“ fragte Leo Tolstoi in einem seiner Werke zu einer Zeit, als europäische Mächte ganze Kontinente kolonialisierten. Aber das ist lange her. Würde Tolstoi heute schreiben, müsste er fragen: „Wieviel Millionen braucht der Mensch?“ Dollar- und nicht Rubelmillionen.

Auch Lal Bahadur Shastri studierte die Bücher Tolstois, nachdem er sich selbst lesen und schreiben beigebracht hatte. Damals dürfte er kaum geahnt haben, dereinst zum Premierminister Indiens aufzusteigen. Als Shastri in Amt und Würden am 11. Januar 1966 starb, reichte sein finanzieller Nachlass nicht aus, um das Brennholz zur Einäscherung seines Leichnams zu bezahlen. Sämtliche Einkünfte hatte er zu Lebzeiten Landsleuten zukommen lassen, die ärmer waren als er. Der indische Staat hatte die Finanzierung des Scheiterhaufens zu übernehmen.

Shastri wird von keinem Papste heiliggesprochen werden können, er war Hindu. Und nur bei Christen geht eher ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher ins Himmelreich ein (aber zum Glück definiert auch die Bibel nicht schlüssig, wann Reichtum beginnt: bei einer Million, bei 10 Millionen oder erst ab 100 Millionen).

Fred Hollows war Christ, zumindest wuchs er in einem fundamentalistisch-christlichen Elternhaus auf, wollte gar Missionar werden, bevor er sich entschloss, Menschen sehend zu machen. Anders als Tolstoi: als Augendoktor. Als Hollows 1993 starb, hatten er und die von ihm ausgebildeten „Barfuss“-ÄrztInnen Hunderttausenden von Menschen in Asien, Afrika, Südamerika und Australien das Augenlicht zurückgegeben. Hollows hatte zwar Ehrenbürgerschaften zahlreicher Drittweltländer angesammelt, nicht aber persönliches Vermögen. Auch die seinem Wirken und Handeln zugrundeliegende Motivation dürfte nicht im Wunsch nach klerikaler Heiligsprechung begründet gewesen sein. Als er nach seiner Wahl zum „Australian of the year 1990“ nach seinen liebsten Freizeitbeschäftigungen befragt wurde, antwortete er: „Bumsen, Saufen und Bergsteigen.“

Shastri und Hollows hatten Visionen – wer keine Visionen hat ist kein Realist. Und eine Motivation, die sie für diese Visionen leben und kämpfen liess.

Auch Millionäre haben Visionen, zweifellos. Vielleicht gar jene ehrenwerten, Arbeitsplätze für weniger Glückliche zu schaffen. Aber was für eine Motivation steckt hinter jener Vision, Geld zu mehren und zu mehren und zu mehren … ?

Der Psychologe Abraham Maslow stellte 1970 die Theorie auf, dass sich die grundlegenden Motive menschlichen Handelns in einer Bedürfnishierarchie anordnen liessen. Er fand heraus, dass die Bedürfnisse auf einer bestimmten Hierarchiestufe so lange die Motivation eines Menschen beherrschten, wie sie unbefriedigt blieben. Nach der Befriedigung der grundlegendsten biologischen Bedürfnisse wie Essen, Trinken, Sauerstoff stelle sich beim Menschen das Bedürfnis nach Sicherheit ein, jenes nach Angstfreiheit vor materiellen Sorgen auch. Wann ist dieses Bedürfnis befriedigt, bei einem materiellen Polster von wieviel Millionen? Auch in einem soziokulturellen Umfeld wie dem schweizerischen mit einem erheblich überdurchschnittlichen Sicherheitsbedürfnis lässt sich die Jagd nach immer mehr Vermögen mit dem urmenschlichen Bedürfnis nach materieller Sicherheit nicht mehr erklären.

Die schweizerische Ski-Ikone Bernhard Russi sagt stellvertretend für unzählige SpitzensportlerInnen: „Mit dem Karriereende kommt ein Spitzensportler vor ein Riesenloch.“ Die Erfahrungen, die SportlerInnen machen, wenn die Karriere sich dem Ende zuneigt, lassen sich gut auf SpitzenverdienerInnen übertragen. Und erklären das, was Maslow nicht beantworten kann: Man ist mitten drin im pulsierenden Leben, gehört dazu, ist gefragt bei den Schönen der Welt – Glamour und l‘amour. Man steht im Rampenlicht und wird gesehen. Der stete Nervenkitzel beim Kampf, besser, schneller, schlauer und reicher zu sein als andere setzt dauernd Hormone frei, an die sich der Körper gewöhnt und nach denen er verlangt. Und plötzlich soll das alles vorbei sein?! Dieses tägliche wunderbare Wechselbad der Gefühle, das einhergeht mit den Hochs und Tiefs des Dow Jones?! SpitzensportlerInnen setzt der Alterungsprozess zeitliche Limiten. Diese fallen weg bei der Jagd von der 4. zur 5., von der 15. zur 20. Million. Und wer will hier schon freiwillig auf den grossen Kick verzichten, der Lebenselixier geworden ist? Umso mehr als dieses „Karriereende“ über den ersten Herzinfarkt hinaus verzögert werden kann.

Und a apropos Hormone: Wie liesse sich diese extrem tabuisierte Riesenangst des Wechseljahr-Mannes vor dem ab dem vierzigsten Altersjahr stetig sinkenden Testosteronspiegel besser und volkswirtschaftlich nützlicher bändigen als mit 100 Arbeitsstunden pro Woche und mit einem Ämtchen da und einem Pöstchen dort?

„Ich habe mich überhaupt nicht verändert, trotz meiner Millionen“, höre ich immer wieder sagen. Was für ein Trugschluss!

Weil sich, wer Erfolg, Geld, Macht hat, in der Wahrnehmung seiner sozialen Umwelt verändert, kann jemand unmöglich derselbe bleiben, ausser es gelingt ihm, sich einzubilden, der Rest der Welt habe sich verändert. Der Generalmanager eines europäischen Automobilkonzerns gestand einer Journalistin, er sei der gleiche geblieben wie eh und je. Schon als 30jähriger hätte er‘s nie übers Herz gebracht, jemanden seiner Angestellten zu entlassen. Jetzt musste er seinen gesamten Beraterstab auswechseln, da alle übertriebenen Respekt vor ihm zeigten. Keiner habe mehr den Mut gefunden, ihm zu widersprechen und Entscheidungen in seiner Gegenwart kritisch zu hinterfragen.

Da, wo ich aufgewachsen bin, erzählt man sich gerne folgenden Witz: Bei Herr Meier stellte sich, nachdem sein Konto nach der 10. Million nicht mehr anwachsen wollte, plötzlich eine Veränderung ein. Er glaubte, über Nacht eine graue Maus geworden zu sein. Nach einem aufbauenden Gespräch mit seinem Coach trat Herr Meier in den Garten hinaus in der unumstösslichen Gewissheit, keine Maus, sondern Multimillionär Meier zu sein. Da tauchte eine Katze auf und Todesangst überkam unseren Helden. Zwar wusste er, dass er keine Maus war, aber er wusste nicht, ob die Katze das auch wusste.

 

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